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Handbuch Sozialwissenschaftliche Gedächtnisforschung

Herausgeber*innen: Mathias Berek, Kristina Chmelar, Oliver Dimbath, Hanna Haag, Michael Heinlein, Nina Leonhard, Valentin Rauer und Gerd Sebald.

Der Erforschung des sozialen Umgangs mit (gesellschaftlicher) Vergangenheit haben sich seit den grundlegenden soziologischen Arbeiten von Jane Addams und Maurice Halbwachs in erster Linie die Geschichtswissenschaft und die Kulturwissenschaften angenommen. Nach Pionierleistungen aus den Gebieten des amerikanischen Pragmatismus, der (Sozial-)Phänomenologie sowie des soziologischen Funktionalismus hat die Soziologie diesen Bereich weitestgehend ausgeklammert. Erst in jüngerer Zeit – auch im Zusammenhang mit Interdisziplinaritätsforderungen – rückt das Interesse an Vergangenheitsbezügen wieder in den Fokus der soziologischen Forschung.

Das zeitweilige Desinteresse der Soziologie bezieht sich allerdings nicht auf den Umstand des Vergangenheitsbezugs – es scheint sich vielmehr vorwiegend gegen die von anderen Disziplinen in Beschlag genommene Terminologie, also die Begriffe ‚Gedächtnis‘, ‚Erinnern‘ und ‚Vergessen‘ zu richten. Tatsächlich enthält erstens fast jede Sozialtheorie Antworten auf die Frage, in welcher Weise Kollektive und Gesellschaften auf ihre Vergangenheit zurückgreifen beziehungsweise, wie sie über ihr je spezifisches Gewordensein reflektieren. Aber auch über diese Gedächtnistheorie ohne Gedächtnisterminologie hinaus befasst sich die soziologische Forschung zweitens in fast allen ihren Spezialgebieten mit Vergangenheitsbezügen: Jede Spezialsoziologie kann mit Fragen sozialer Gedächtnisse, sozialen Erinnerns und Vergessens konfrontiert werden. Man gelangt dann zu Forschungsorientierungen wie dem Familiengedächtnis, dem Wirtschaftsgedächtnis, dem Gedächtnis der Politik, der Massenmedien, der Religion und so weiter. Drittens liegt eine Vielzahl sozialer Phänomene vor, die eng mit dem Rückgriff auf Vergangenes verbunden, aber bislang kaum systematisch untersucht worden sind. Dies gilt für die Sozialfigur des Gespensts ebenso wie die Frage nach dem ‚Ohrwurm‘, dem ‚Deja vu‘, der Prophetie, dem Volksglauben und so weiter.

Das geplante Handbuch bietet einen umfassenden Überblick über die vier genannten Bereiche soziologischer Gedächtnisforschung und liefert darüber hinaus Informationen über die wichtigsten Schnittstellen – Konvergenzen und Divergenzen – zu den Gedächtniskonzeptionen anderer Disziplinen.