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Gewerkschaftliche Geschlechterpolitik im deutsch-französischen Vergleich. Eine Typologie von Deutungsmustern

Basisinformationen:
Projektbeschreibung:

Soziologische Gewerkschafts- und Geschlechterforschung wurden bislang eher selten verknüpft. An dieser Forschungslücke setzt die vorliegende Arbeit an, indem sie die Bedeutung gewerkschaftlicher Geschlechterpolitik untersucht: Wie wurden die Interessen erwerbstätiger Frauen historisch in die allgemeine Gewerkschaftspolitik integriert? Wie wird Geschlechterpolitik aktuell innerhalb der verschiedenen Organisationen programmatisch ausgestaltet und umgesetzt? Und was verstehen GewerkschaftssekretärInnen als Organisationsmitglieder unter Geschlechterpolitik und wie wirkt sie sich auf ihre Praxis der Interessenvertretung aus?

Für die Arbeiterbewegung ist gemäß ihrem Selbstverständnis die Klassenungleichheit, nicht die Geschlechterungleichheit prägend und gewerkschaftliche Interessenpolitik ging lange Zeit und zum Teil noch immer vom (männlichen) Normalarbeitsverhältnis aus. Zugleich haben sich geschlechterpolitische Ansätze und Instrumente ausdifferenziert, so dass sich die Frage nach ihrer Bedeutung und Umsetzung in verschiedenen Gewerkschaften stellt. Wegen des mangelnden Forschungsstands zur zentralen Fragestellung wurde diese sehr offen und explorativ formuliert. Für ihre Beantwortung wird sich dem Thema in dreifacher Weise genähert: Auf der historisch-gesellschaftlichen Ebene, auf der Ebene der Organisationen sowie aus der Perspektive der Organisationsmitglieder als Akteure auf der Handlungsebene. Dabei wird eine zwischen Deutschland und Frankreich vergleichende Perspektive eingenommen. Beide Länder stehen in einer langen und engen, kulturellen sowie politischen Austauschbeziehung, aber sowohl ihre Systeme industrieller Beziehungen als auch ihre Geschlechterkulturen weisen neben zahlreichen Ähnlichkeiten viele Unterschiede auf. Gerade durch den internationalen Vergleich ergibt sich die Möglichkeit, vermeintliche Selbstverständlichkeiten gewerkschaftlicher Geschlechterpolitik kritisch zu reflektieren und im besten Fall voneinander zu lernen.

Im ersten Kapitel wird der Stand der Forschung dargelegt und der vorliegende Ansatz innerhalb der Typologie verschiedener Arten des historischen Vergleichs bei Hartmut Kaelble (1999) als individualisierender Spezialvergleich verortet. Im Anschluss an die analyse sociétale (Maurice et al. 1979; Maurice 1991) wird bei der komparativen Analyse das Paradox berücksichtigt, Unvergleichbares miteinander zu vergleichen. Universalisierende Kategorien werden daher abgelehnt und die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen berücksichtigt. Der aktuelle Stand der Forschung zu Geschlechterverhältnissen in der (Erwerbs-)Arbeit sowie in (Gewerkschafts-)Organisationen ist relativ umfangreich, wobei das für qualitativ-empirische Forschungsprojekte nicht unbedingt zutrifft. Die vorliegende Arbeit verortet sich im verstehenden Paradigma und rekonstruiert verschiedene Deutungsmuster gewerkschaftlicher Geschlechterpolitik. Dabei schließt sie an die wissenssoziologische Typologie von Geschlechterwissen bei Angelika Wetterer (2008; 2009) als theoretische Grundlage an, die drei Formen des Geschlechterwissens unterscheidet, je nachdem auf welche Anerkennung das Geschlechterwissen zielt und welches Handeln es ermöglichen soll. Bei der Gender-Expertise professioneller GleichstellungspolitikerInnen, dem wissenschaftlichen Geschlechterwissen an den Hochschulen und dem alltagsweltlichen Geschlechterwissen handelt es sich nicht um eine hierarchische, sondern um eine qualitative Unterscheidung, da die Wissensformen in einem reflexiven Zusammenhang mit dem Handeln im jeweiligen Kontext stehen.

Im Rahmen eines historisch-vergleichenden Teils werden im zweiten Kapitel die Entwicklung der Gewerkschaften, der Frauenerwerbstätigkeit sowie deren Interdependenzen in Form des Verhältnisses von Arbeiter- und Frauenbewegung typisierend dargestellt. Während sich in Deutschland zentralisierte, bürokratische und sozialpartnerschaftliche Einheitsgewerkschaften herausgebildet haben, handelt es sich bei ihren französischen Äquivalenten um fragmentierte und konfliktive Richtungsgewerkschaften mit bürokratischer Gewerkschaftsspitze und militanter Basis. Die Geschlechtersysteme sowie -kulturen haben sich nach Birgit Pfau-Effinger (2000; 2001) in den letzten Jahrzehnten in Deutschland stärker gewandelt als in Frankreich, so dass heute in der BRD vom Vereinbarkeitsmodell der männlichen Versorgerehe gesprochen werden kann. Dennoch überwiegt in Deutschland nach wie vor die Betreuung der Kinder innerhalb der Familie, so dass es immer noch meist die Frauen sind, die während der typischen Familienphase ihre Arbeitszeit reduzieren und von Vollzeit in Teilzeit wechseln. In Frankreich herrscht demgegenüber das egalitärere Doppelversorgermodell der Familie vor, das sich im internationalen Vergleich vor allem durch die starke Vollzeitorientierung der Französinnen sowie die außerhäusliche Kinderbetreuung auszeichnet. Aus den Gewerkschaften blieben Frauen in beiden Ländern lange Zeit ausgeschlossen und Arbeiter- und Frauenbewegung entwickelten sich meist in ähnlicher Distanz zueinander. Im Zuge der Institutionalisierung der Frauenpolitik auch in Gewerkschaften im Anschluss an die Zweite Frauenbewegung wurden Frauen vor allem in Deutschland als neues Mitgliederreservoir entdeckt, so dass sich die gewerkschaftliche Geschlechterpolitik professionalisiert hat. In Frankreich kommt dem Zentralstaat im System industrieller Beziehungen eine starke Rolle zu und auch im Bereich der Gleichstellung versucht er über zahlreiche Gesetze regulierend einzugreifen.

Im dritten Kapitel werden Forschungsdesign und Methoden der empirischen Untersuchung vorgestellt. Anhand einer Dokumentenanalyse gewerkschaftlicher Materialien werden als Ergebnis innerverbandlicher Aushandlungen zur Geschlechterpolitik auf organisationaler Ebene deren Instrumente in Form von Frauen- oder Geschlechterquoten sowie von Frauenstrukturen untersucht. Außerdem wird die Präsenz von Frauen innerhalb der Organisationsstrukturen miteinander verglichen. Um die Perspektive von GewerkschaftsrepräsentantInnen zu erheben, wurden zudem je zehn qualitative leitfadengestützte Interviews in Deutschland und Frankreich durchgeführt. Dabei wurde das Forschungsfeld in pragmatischer Weise eingegrenzt auf die weiblich geprägten Beschäftigungsbereiche des Einzelhandels und des Reinigungsgewerbes, wo es in beiden Ländern in den vergangenen Jahren wiederholt größere Arbeitskämpfe gegeben hat. So wurden ver.di und die IG BAU in Deutschland und die CGT, die CFDT und FO in Frankreich in die Untersuchung einbezogen. Für die Ergänzung der Perspektiven und die Erhöhung des Kontrasts wurden außerdem bei der IG Metall sowie dem Gewerkschaftsbündnis Solidaires je ein zusätzliches Interview geführt. Die meisten der InterviewpartnerInnen kommen aus dem Bereich der Frauen- und Gleichstellungspolitik beziehungsweise der égalité professionnelle. Darüber hinaus wurden GewerkschaftssekretärInnen aus den Bereichen Einzelhandel und Reinigungsgewerbe befragt. Die Datenauswertung und -interpretation erfolgte inhaltsanalytisch mit Elementen der dokumentarischen Methode, um neben Fachwissen auch implizite sowie kollektive Sinnstrukturen aus dem Interviewmaterial zu rekonstruieren. Das Ziel der Dateninterpretation liegt in der Rekonstruktion typischer Deutungsmuster gewerkschaftlicher Geschlechterpolitik.

Im vierten Kapitel wird als Ergebnis der Dokumentenanalyse unter Berücksichtigung der Auswertung der qualitativen Interviews die Repräsentation von Frauen (und Männern) innerhalb der gewerkschaftlichen Organisationsstrukturen verglichen. Was die Präsenz von Frauen in der Gewerkschaftsmitgliedschaft, den gewerkschaftlichen Organisationsgrad, die Existenz von Frauen- oder Geschlechterquoten sowie deren Umsetzung und von (exklusiven) Frauengremien angeht, dominieren länderspezifisch die Unterschiede. Diese lassen sich vor allem auf den höheren Nachholbedarf deutscher Gewerkschaften zurückführen, ihre Organisationen zu ‚feminisieren‘ sowie darauf, dass sich der republikanische Universalismus in Frankreich auch auf die gewerkschaftliche Gleichstellungspolitik niederschlägt.

Aus den Interviews wurde eine Typologie von vier Deutungsmustern gewerkschaftlicher Geschlechterpolitik rekonstruiert. Das frauenpolitische, das geschlechtertheoretische, das konservative und das republikanische Deutungsmuster werden im fünften Kapitel anhand von jeweils einer Fallbeschreibung sowie von fallübergreifenden Deutungsmustern vorgestellt. Sie weisen im Gegensatz zum Vergleich der Organisationsstrukturen nur ansatzweise eine länderspezifische Färbung auf. Insbesondere unter deutschen Frauen- und Gleichstellungssekretärinnen von ver.di und der IG Metall, aber auch teilweise bei ihren Kolleginnen der CGT und CFDT, ist das frauenpolitische Deutungsmuster am stärksten verbreitet. Dort werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern betont, quantitative Instrumente der Frauenförderung, wie an Frauen adressierte Mitgliederwerbung, Frauenquoten und exklusive Frauenräume, befürwortet und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als wichtigste frauenpolitische Forderung gesehen. Um diese in die Gesellschaft zu tragen, wird mit AkteurInnen des institutionalisierten Feminismus zusammengearbeitet und entsprechend eines eher reformorientierten Verständnisses von Gewerkschaften eine ‚Politik der kleinen Schritte‘ bevorzugt.

Demgegenüber werden im geschlechtertheoretischen Deutungsmuster einer tendenziell jüngeren Generation von Gewerkschaftssekretärinnen vor allem bei Solidaires, aber auch bei ver.di, die sozialen Ursachen für die Geschlechterungleichheit hervorgehoben, auf feministische Bildungsarbeit gesetzt, um dafür Bewusstsein zu schaffen und, entsprechend der Kritik an Patriarchat und Kapitalismus, vor allem bei der ungleichen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung sowie bei prekären Erwerbsbedingungen angesetzt, um daran etwas zu ändern. Dabei wird mit feministischen Netzwerken und anderen AkteurInnen der sozialen Bewegungen kooperiert.

Im konservativen Deutungsmuster ist weniger der Geschlechterunterschied, sondern vielmehr der Kultur- und Klassenunterschied zwischen traditioneller Gewerkschaftsklientel und prekär Beschäftigten mit Migrationshintergrund (vor allem im Reinigungsgewerbe) relevant. GeringverdienerInnen werden allerdings ungern organisiert, Frauen- und Geschlechterquoten sind weitgehend irrelevant und für Frauenstrukturen gibt es wenig Verständnis. Im Sinne eines reformorientierten Verständnisses von Gewerkschaften als Sozialpartner wird von GewerkschaftsekretärInnen insbesondere im Reinigungsbereich der IG BAU sowie der FNPD CGT auf Tarifverhandlungen gesetzt, um kontinuierlich Lohnsteigerungen durchzusetzen.

Das republikanische Deutungsmuster schließlich bleibt als einziges auf Frankreich beschränkt, wo bei FO, aber auch der CFDT Services, ausgehend von der relativ fortgeschrittenen formal-gesetzlichen Gleichstellung verbleibende Unterschiede und Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in erster Linie aus der persönlichen Erfahrung heraus thematisiert werden. Gewerkschaften sollen weltanschaulich neutral ausschließlich als arbeitsmarktpolitische Akteure auftreten. Im Sinne der Auslegung des republikanischen Universalismus als geschlechterindifferent herrscht Unwissenheit über die geschlechtsspezifische Zusammensetzung der Mitgliedschaft und jegliche Formen von Quoten werden als positive Diskriminierung abgelehnt – ebenso wie exklusive Frauenstrukturen. Das Thema der Lohngleichheit führt die Agenda an, zumal es als geschlechterunabhängige Forderung von allen vertreten werden kann und gemäß einem liberalen Politikverständnis sollen Frauen die gleichen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung haben wie Männer. Um dies zu erreichen, setzt man auf Verhandlungen über die égalité professionnelle mit der Unternehmerseite, wobei der französische Staat die maßgebliche Kraft bleibt.

Die Typologie dieser Deutungsmuster zeigt, wie vielfältig das Verständnis von gewerkschaftlicher Geschlechterpolitik sein kann. Wetterers Typologie des Geschlechterwissens hat sich als anschlussfähig erwiesen für den diesbezüglichen Vergleich von Orientierungen in Gewerkschaften. In Bezug auf den internationalen Vergleich gewerkschaftlicher Geschlechterpolitik hat sich gezeigt, dass ihre Ausgestaltung und Umsetzung auf organisationaler Ebene durchaus länderspezifisch differiert. In Deutschland ist sie eher an Frauenförderung orientiert und in Frankreich am Ideal der égalité. Die Deutungsmuster hingegen weisen über die Ländergrenzen hinweg auch Ähnlichkeiten auf und variieren eher nach Gewerkschaftszugehörigkeit, innergewerkschaftlicher Position sowie anderen soziogenetischen Merkmalen, wie vor allem Geschlecht, Alter, Migrationshintergrund und Care-Verpflichtungen. Damit bestätigt sich zumindest für die Handlungsebene, dass der Ansatz der analyse sociétale die Bedeutung nationalstaatlicher Einheit überschätzt beziehungsweise die Unvergleichbarkeit übertreibt (Artus 2008). Das Wissen zu Geschlecht und Klasse sowie damit verbundene Praktiken der GewerkschaftssekretärInnen unterscheiden sich in ihren Konstellationen auch nach anderen Kontexten, zumal die verschiedenen Strömungen innerhalb der Frauen- und Arbeiterbewegung schon immer international ausgerichtet waren.

Beteiligte Personen:

Judith Holland M.A.