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Publikationen

Veröffentlichungen aus dem Arbeitskreis

Die seit dem Frühjahr 2013 bei Springer/VS erscheinende Buchreihe Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen – Memory Studies soll ‚Ort‘ und ‚Forum‘ für die weitere soziologische Diskussion sein. Vorgesehen ist die Veröffentlichung von thematisch einschlägigen Sammel- und Tagungsbänden, herausragenden Qualifikationsarbeiten und Monografien, von Lehr- und Handbüchern sowie forschungsbezogenen Herausgeberbänden.

Neben der mit dem Arbeitskreis assoziierten Buchreihe listen wir hier Veröffentlichungen aus dem Diskussionszusammenhang des Arbeitskreises Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen.

Eine Sammelrezension von Heike Delitz zu den Veröffentlichungen des Arbeitskreises ist in der Soziologischen Revue erschienen.

Vivien Sommer (2018): Erinnern im Internet. Der Online-Diskurs um John Demjanjuk. Wiesbaden: Springer VS.

Vivien Sommer rekonstruiert die typischen Erinnerungspraktiken im World Wide Web in ihrer Fülle und Vielfältigkeit  anhand des Online-Diskurses über das Verfahren und den Prozess gegen den KZ-Aufseher John Demjanjuk. Darauf aufbauend wird empirisch erläutert, inwieweit sich mediatisierte Erinnerungen im Rahmen von Online-Kommunikation konstituieren, welche Veränderungen damit einhergehen und welche Konstanten sich im Vergleich mit anderen Gedächtnismedien konstatieren lassen. Theoretisch werden dazu Konzepte der Memory Studies, der Praxisforschung, der Diskurstheorie sowie der Mediatisierungsforschung verknüpft. Methodisch wird das Verfahren der Grounded Theory mit der wissenssoziologischen und der sozialsemiotischen Diskursanalyse trianguliert.

Der Inhalt

  • Erinnern im World Wide Web
  • Erinnerungspraktiken in Online-Diskursen
  • Mediatisierung von Erinnerungsprozessen
  • Die öffentliche Erinnerung an den Holocaust

Gerd Sebald/Marie-Kristin Döbler (2018): (Digitale) Medien und soziale Gedächtnisse. Wiesbaden: Springer VS.

Die Beiträge des Bandes befassen sich mit Medialität und Digitalität als Faktoren eines aktuellen und tiefgreifenden sozialen Wandels. In Wechselwirkung damit ändern sich auch individuelle und insbesondere soziale Bezüge auf Vergangenes, also soziale und kollektive Gedächtnisse. Dieses Feld weiter zu erschließen, ist das Ziel dieses Bandes. Das gilt neben theoretischen Überlegungen insbesondere für drei Aspekte der Medialität und Gedächtnissoziologie: erstens »digitale Plattformen«, auf denen mediale Formen gebündelt werden, zweitens ein seit Beginn des 20. Jahrhunderts zentrales Medium moderner Gesellschaften, der Film, und drittens (hyper-)textuelle und bildhafte Medienformen.

Der Inhalt

  • Theoretische Überlegungen
  • Digitale Plattformen
  • Film; Text und Bild

Hanna Haag (2018): Im Dialog über die Vergangenheit. Tradierung DDR-spezifischer Orientierungen in ostdeutschen Familien. Wiesbaden: Springer VS.

Hanna Haag untersucht erstmals die familiale Tradierung DDR-bezogener Orientierungen im Beisein der Nachwendegeneration. Neben dem erfahrungsbasierten Wissen der Eltern fließt dadurch auch der retrospektive Blick der Kinder in den familialen Dialog über die Vergangenheit ein. Im Zentrum der Betrachtung steht der intergenerationale Konstitutionsprozess sozialer Gedächtnisse vor dem Hintergrund sozialen Wandels. Die gemäß der dokumentarischen Methode ausgewerteten Familiengespräche zeigen die Wie-Ebene der Wissensgenese im familialen Tradierungsprozess auf. Dabei zeigt sich, dass insbesondere das Verhältnis zu öffentlich institutionalisierten Narrativen über die DDR als Unrechtsstaat ein konstitutives Moment für die Herausbildung partikularer Gedächtnisformationen bildet, die zugleich Ausdruck für die Vielfalt vergangenheitsbezogener Wissensbestände sind.

Hanna Haag, Pamela Heß und Nina Leonhard (2017): Volkseigenes Erinnern. Die DDR im sozialen Gedächtnis. Wiesbaden: Springer VS.

Die Beiträge untersuchen aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Modalitäten der selektiven Inanspruchnahme von DDR-bezogenen Wissensbeständen für individuelle wie kollektive Sinnbildung, wie sie sich im Verlauf der letzten zweieinhalb Jahrzehnte im vereinigten Deutschland herausgebildet haben. Hierbei stehen weniger die ‚offiziellen‘, das heißt die institutionell abgesicherten Sichtweisen auf die DDR im Fokus der Betrachtung. Vielmehr nehmen die Autorinnen und Autoren Formen der sozialen Aneignung (oder auch: der Nicht-Aneignung) dieser sowie anderer, teilweise noch wenig untersuchter DDR-bezogener Wissensbestände ‚von unten‘ in den Blick und liefern so Erkenntnisse über die Formierung der DDR als Gegenstand sozialer Erinnerungs- und Vergessensprozesse seit 1990.

Gerd Sebald, Jatin Wagle (2016): Theorizing Social Memories. Concepts and Contexts. London: Routledge.

Rezension

Public debates over the last two decades about social memories, about how as societies we remember, make sense of, and even imagine and invent, our collective pasts suggest that grand narratives have been abandoned for numerous little stories that contest the unified visions of the past. But, while focusing on the diversity of social remembering, these fragmentary accounts have also revealed the fault-lines within the theoretical terrain of memory studies. This critical anthology seeks to bridge these rifts and breaks within the contemporary theoretical landscape by addressing the pressing issues of social differentiation and forgetting as also the relatively unexplored futuristic aspect of social memories. Arranged in four thematic sections which focus on the concepts, temporalities, functions and contexts of social memories, this book includes essays that range across disciplines and present a variety of theoretical approaches, from phenomenological sociology and systems theory to biography research and post-colonialism.

Nina Leonhard (2016): Integration und Gedächtnis. NVA-Offiziere im vereinigten Deutschland. Konstanz/Köln: UVK/Halem.

Politische Systemwechsel gehen oft mit Erinnern und Vergessen einher. Es kann zur Herausbildung und dauerhaften Verfestigung von Wirklichkeiten kommen, die unter Umständen individuell variieren. Nina Leonhard geht in ihrer Arbeit den Fragen nach, wie sich die gesellschaftliche Integration staatlicher Funktionsträger nach einem politischen Umbruch in struktureller sowie kultureller Hinsicht vollzieht und welche Bedeutung hierbei dem Umgang mit unterschiedlichen Wissensbeständen zukommt.

Während der friedlichen Revolution 1989 und der darauf folgenden Wiedervereinigung stellen sich diese Fragen in besonderer Weise: setzt doch die Schaffung einer neuen politischen Ordnung eine Neukonfiguration des gesellschaftlichen Wissensvorrates voraus. Am Beispiel, einer bis dato wenig beachteten Berufsgruppe, der ehemaligen Berufsoffiziere der Nationalen Volksarmee (NVA), analysiert die Autorin die als ‚Wissensproblem‘ gefasste Integrationsproblematik in theoretischer wie empirischer Hinsicht. Auf Grundlage berufsbiographischer Interviews demonstriert sie eindrucksvoll, wie die betroffenen Offiziere das Ende der DDR verarbeiteten und welches Verhältnis sie zur Ordnung des vereinigten Deutschlands entwickelten.

Die Untersuchung liefert neue Erkenntnisse über die Möglichkeiten und Grenzen des Umgangs mit konkurrierenden Wissensbeständen. Sie zeigt auf, wann und wie soziale Akteure von ihrer Vergangenheit Abstand nehmen oder genau dazu nicht in der Lage sind und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Integrationsforschung.

Nina Leonhard, Oliver Dimbath, Hanna Haag, Gerd Sebald (2016): Organisation und Gedächtnis: Über die Vergangenheit der Organisation und die Organisation der Vergangenheit. Wiesbaden: Springer VS.

Wie gehen Organisationen mit ihrer Vergangenheit um und was geschieht, wenn sie sich der Vergangenheit anderer annehmen? Der vorliegende Band versammelt Beiträge von Sozial-, Geschichts- und Wirtschaftswissenschaftler(inne)n, die diese Frage aus unterschiedlichen Perspektiven und für unterschiedliche Organisationstypen beleuchten. Zwei grundverschiedene Momente sozialer Gedächtnisse werden dabei adressiert: Zum einen muss davon ausgegangen werden, dass Organisationen ihre Strukturen pfadabhängig ausbilden und ihre Aktivitäten nur aus ihrer Vergangenheit heraus analysiert werden können. Diese Vergangenheit offenbart sich im Rückblick zum anderen aber nur selektiv und interpretativ – sie wird unter den Umständen gegenwärtiger Situationen immer neu konstruiert. Soziale Gedächtnisse der Organisation geben somit Orientierung für Prozesse des Organisierens. Zugleich kann es Gegenstand organisationalen Handelns sein, eine solche Orientierung für andere bereitzustellen.

Oliver Dimbath, Michael Heinlein (2015): Gedächtnissoziologie. Paderborn: Fink/utb.

Das kulturelle Gedächtnis ist schon seit gut 30 Jahren ein Begriff. Aber was ist soziales Gedächtnis? Die Themen Gedächtnis, Erinnern und Vergessen stoßen auf immer mehr Resonanz in der Soziologie. Mit dieser Einführung in die Gedächtnissoziologie werden erstmals systematisch die Begriffe dieses Feldes erschlossen sowie ein Überblick der Fragestellungen und Probleme erarbeitet.Damit erhält das neue Forschungsfeld der Gedächtnissoziologie ein belastbares Fundament.

Michael Heinlein, Oliver Dimbath, Larissa Schindler, Peter Wehling (Hg.) (2015): Der Körper als soziales Gedächtnis. Wiesbaden: Springer VS

Dass Gedächtnis, Erinnern und Vergessen eine körperliche Seite haben oder sogar körperliche Vorgänge sind, ist eine Einsicht, die auch von der Soziologie geteilt wird. Gesellschaftliche und gesellschaftlich geprägte individuelle Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren im Körper, Spuren, die an Vergangenes erinnern und Verhalten wie Handeln in Gegenwart und im Hinblick auf die Zukunft zu orientieren vermögen. Die in diesem Band enthaltenen Beiträge nehmen sich der Frage nach dem Körpergedächtnis jenseits der Vorstellung eines Körper-Geist-Dualismus an. Dabei werden sowohl sozialtheoretische Fragen des Zusammenhangs von Körper und Gedächtnis als auch unterschiedliche Facetten des Körpergedächtnisses in konkreten praktischen Zusammenhängen behandelt. Der Band geht auf die Tagung des Arbeitskreises Gedächtnis-Erinnern-Vergessen im Frühjahr 2013 zurück.

Lars Breuer (2015): Kommunikative Erinnerung in Deutschland und Polen. Täter- und Opferbilder in Gesprächen über den Zweiten Weltkrieg. Wiesbaden: Springer VS

Die Studie vergleicht erstmals die Ebene der kommunikativen Erinnerungen an die NS-Zeit in Deutschland und Polen. Neben einer Darstellung der öffentlichen Erinnerungen an Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg, Judenverfolgung und Zwangsmigration werden auf der Basis von Gruppendiskussionen die Vergangenheitsbilder der Befragten in beiden Ländern rekonstruiert. Im Mittelpunkt stehen dabei die vielfältigen Zuschreibungen von Täter- und Opferrollen, in denen sich Deutungen der Vergangenheit mit Vorstellungen kollektiver Identität verbinden. In diesen Zuschreibungen wird nicht nur das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Erinnerungen diskutiert, sondern auf einer symbolischen Ebene auch das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen verhandelt. Dabei zeigt sich, dass die deutsch-polnischen Beziehungen von einer grundlegenden Asymmetrie geprägt sind, es aber auch gemeinsame Merkmale in der Erinnerung gibt, allen voran die Fokussierung auf die Opfer.

Gerd Sebald (2014): Generalisierung und Sinn. Überlegungen zur Formierung sozialer Gedächtnisse und des Sozialen. Konstanz/Köln: UVK/Halem.

Volltext

In modernen Gesellschaften zeigt sich empirisch ein komplexes Geflecht von unterschiedlichen und hochgradig differenzierten Formen sozialer Bezugnahmen auf Vergangenes. Diese Formen können als soziale Gedächtnisse konzipiert werden. Obwohl solche zeitlichen Referenzen elementarer Bestandteil aller Sinnvollzüge sind, bleibt der Begriff des Gedächtnisses in den Sozialwissenschaften theoretisch meist randständig oder nur auf explizite Erinnerungsvorgänge beschränkt.

Das Ziel der Überlegungen ist zum einen die Verankerung des Gedächtnisbegriffes in den Grundbegriffen einer sozialwissenschaftlichen Beschreibung von Gesellschaft und zum anderen die Erarbeitung eines begrifflichen Instrumentariums, das die vielfachen wechselseitigen Bezüge zwischen Gedächtnisformen auf unterschiedlichen Ebenen des Sozialen zu beschreiben gestattet. Das geschieht durch die Integration von phänomenologischen, wissenssoziologischen und systemtheoretischen Theoriebeständen. Als Grundbegriffe fungieren Generalisierung und Sinn, die in ihren unterschiedlichen Formen, ihrer Genese, ihrem Gebrauch und ihren Wechselwirkungen auf den unterschiedlichen sozialen Ebenen der individuellen Akteure, der Situation und der transsituativen Ordnungen untersucht werden.

Dimbath, Oliver, Heinlein, Michael (Hrsg.) (2014): Die Sozialität des Erinnerns. Beiträge zur Arbeit an einer Theorie des sozialen Gedächtnisses. Wiesbaden: Springer VS

Das Problem des Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens ist ein nicht eigens benannter Bestandteil vieler soziologischer Theorien. Erst seit wenigen Jahren beginnen Soziologinnen und Soziologen damit, Fragen der gesellschaftlichen Bewahrung, Routinisierung oder Tradierung des Wissens und damit des Strukturerhalts auch unter Verwendung dieser Begriffe nachzugehen. Da soziologisch relevante Theoriebausteine vorliegen, die Deutungen und Erklärungen im Bereich solcher Probleme enthalten, wird es notwendig, diese Theorieangebote zu sichten und explizite wie implizite Momente des sozialen Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens herauszuarbeiten.

Ziel des Buches ist es zum einen Theorien aus der Soziologie und ihrer Nachbardisziplinen mit einem Blick für Motive des sozialen Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens durchzugehen. Zum anderen berichtet es aus Forschungsprojekten, die sich aus (wissens-)soziologischer Sicht für Fragen der handlungsorientierenden Bezugnahme auf Vergangenheit interessieren.

  • Erschließung soziologischer Theoriepositionen
  • Theorieimporte und Anschlussstellen aus Nachbardisziplinen
  • Anwendungsgebiete von Theorien des sozialen Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens

Kapitel 2: Gerd Sebald: Sinn und Gedächtnis. Download

Burgermeister, Nicole; Peter, Nicole (2013): Intergenerationelle Erinnerung in der Schweiz: Zweiter Weltkrieg, Holocaust und Nationalsozialismus im Gespräch. Wiesbaden: Springer VS

Mitte der 1990er Jahre geriet die Schweiz vergangenheitspolitisch ins Kreuzfeuer internationaler Kritik. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Universalisierung der Erinnerung an den Holocaust sah sich die Schweiz mit Fragen zu ihrer Rolle während des Zweiten Weltkrieges konfrontiert. Das jahrzehntelang gepflegte Geschichtsbild vom neutralen und humanitären Sonderfall wurde dabei grundlegend erschüttert. Eine Folge der Kontroversen um „Nachrichtenlose Vermögen“, „Nazigold“ und schweizerische Flüchtlingspolitik war die staatliche Einsetzung einer Unabhängigen Expertenkommission (UEK), die die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges historisch und juristisch aufarbeitete. Welche Auswirkungen diese vergangenheitspolitischen Debatten und die offiziellen Aufarbeitungsbemühungen auf das Geschichtsbild breiter Bevölkerungskreise hatten, blieb bislang unerforscht. Anhand von intergenerationell zusammengesetzten Gruppendiskussionen zeigt dieser Band nunmehr auf, wie heute die Zeit des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus in der Bevölkerung vergegenwärtigt wird. Die Studie bietet Einblick in ein Erinnerungsgeschehen, das bisher kaum ins Blickfeld der Forschung gerückt ist.

Oliver Dimbath (2013): Oblivionismus. Vergessen und Vergesslichkeit in der modernen Wissenschaft. Konstanz/Köln: UVK/Halem

Vergessen ist ein vielschichtiges Konzept, das unterschiedliche Phänomene des Verschwindens, Löschens, Ignorierens, Übergehens, des Verfalls oder Verlierens beschreibt. Jenseits seiner psychologischen oder neurowissenschaftlichen Bedeutung, die auf kognitive Prozesse fokussiert ist, lassen sich Vorgänge des Wissensverlusts auch im soziokulturellen Zusammenhang feststellen. Auch hier ist mitunter nicht nur metaphorisch von »vergessen« die Rede.

Oliver Dimbath entwickelt in seiner Arbeit zum Oblivionismus ein Programm, mit dessen Hilfe Formen und Funktionen des Vergessens in sozialen Kontexten wie Gruppen, Organisationen oder Institutionen untersucht werden können. Vorgeschlagen wird eine Systematisierung unterschiedlicher Vergessensphänomene im Zusammenhang mit einer Soziologie des Wissens beziehungsweise des Nichtwissens, die sich auf alle gesellschaftlichen Handlungsfelder übertragen lässt.

Eine Plausibilisierung seiner Überlegungen nimmt der Verfasser anhand einer vergessenssoziologischen Untersuchung der modernen Wissenschaft auf unterschiedlichen Ebenen der sozialen Strukturierung vor. Dieser institutionalisierte Zusammenhang aus individuellen Handlungen ebenso wie aus sozialen Strukturen ist für eine vergessensanalytische Forschung besonders aufschlussreich, da es der Wissenschaft mit ihrem Vorsatz der Wissensvermehrung und -verbesserung in hohem Maße um Bewahrung neuer Erkenntnisse und um Anschlussfähigkeit geht. Vergessen »darf« hier eigentlich nicht stattfinden.

Lehmann, René; Öchsner, Florian; Sebald, Gerd (Hrsg.) (2013): Formen und Funktionen sozialen Erinnerns. Sozial- und kulturwissenschaftliche Analysen. Wiesbaden: Springer VS

Theorien sozialer Gedächtnisse moderner Gesellschaften stehen vor dem Problem, soziale Dynamiken und Differenzierungsprozesse zu integrieren und dabei sowohl interaktionistisch konstituierende Gruppengedächtnisse als auch höherstufige Gedächtnisformen (Systeme, Diskurse, Nation etc.) im Blick zu behalten. Dieser Band versammelt theoretische Konzepte und empirische Forschungen und eröffnet theoretische Verknüpfungen und Anschlussmöglichkeiten. Dabei widmet er sich Funktionen wie Vergessen, Identität und Gedächtnispolitik sowie Formierungen udn Medien sozialer Gedächtnisse.

Oliver Dimbath, Peter Wehling (Hg.) (2011): Soziologie des Vergessens. Theoretische Zugänge und empirische Forschungsfelder. Konstanz: UVK

Rezension

Lange Zeit konzentrierte sich das sozial- und kulturwissenschaftliche Nachdenken über das Gedächtnis und den Umgang mit Vergangenem auf das Erinnern. In jüngster Zeit rückt jedoch das Vergessen mit seinen gesellschaftlichen Hintergründen und Wirkungen in den Vordergrund des Interesses und den Mittelpunkt höchst kontroverser Diskussionen. Der Sammelband macht deutlich, dass die Soziologie von Maurice Halbwachs bis zu Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu über vielfältige theoretische Zugänge zum sozialen Vergessen verfügt. Und er zeigt die Bedeutung des Vergessens als gesellschaftlicher Faktor: vom Internet, das scheinbar ’nichts vergisst‘, über die Suche nach ‚Vergessens-Pillen‘ bis zu den weiterhin drängenden Fragen nach dem Umgang mit vergangenem Unrecht.

Gerd Sebald, René Lehmann, Monika Malinowska, Florian Öchsner, Christian Brunnert, Johanna Frohnhöfer (2011): Soziale Gedächtnisse: Selektivitäten in Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus. Bielefeld: transcript Verlag

Rezension

Der Band greift kulturwissenschaftliche Thesen zu sozialen Gedächtnissen auf und wendet sie soziologisch. Dadurch geraten die Wechselbeziehungen zwischen sozialen Gedächtnissen und ihren Konstitutionsbedingungen in den analytischen Blick. Die Beiträge kreisen um die Frage nach der Selektivität von sozialen Gedächtnissen, also wie, was und nach welchen Kriterien erinnert oder vergessen wird. Das je konkrete soziale Erinnern geschieht vor einem Horizont von formierenden gesellschaftlichen Voraussetzungen, Rahmungen und Strukturen: Differenzierung, Pluralisierung, Generationengrenzen, Medialität, Authentizität, Diskurse und Semantiken, die fallweise in den einzelnen Beiträgen herausgearbeitet werden. Die empirische Grundlage bilden narrative Interviews und Gruppendiskussionen in Familien aus Ost- und Westdeutschland zum Thema Erinnerung der Zeit des Nationalsozialismus, sowie gegebenenfalls an die DDR-Vergangenheit. Eine Rezension findet sich in socialnet.

Michael Heinlein (2011): Die Erfindung der Erinnerung.Deutsche Kriegskindheiten im Gedächtnis der Gegenwart. Bielefeld: transcript.

Rezension

Wie entsteht ein kollektives Gedächtnis? Wie erinnern sich Menschen im sozialen Raum? Und wie wird Erinnerung gemacht? So lauten die Fragen, denen der Soziologe Michael Heinlein in seinem hoch aktuellen Buch zur Erinnerungskultur nachgeht.
Mit kritischem Blick widmet sich seine Studie der Konstruktion der so genannten »Generation der Kriegskinder« und den damit verbundenen medizinisch-psychologischen Diskursen zum kollektiven Trauma der Deutschen. Dabei erschließt der Autor nicht nur Neuland für eine weitgehend »gedächtnisvergessene« Soziologie, sondern leistet auch einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um das Ende der Zeitzeugenschaft des Zweiten Weltkriegs.