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Tätowieren als Erwerbsarbeit: Zwischen Beruf und Berufung. (Arbeitstitel)

Basisinformationen:
  • Typ: Promotion
  • Laufzeit: 2015 – 2019
  • Finanzierung: DFG-Förderung im Rahmen des Forschungsprojekts „Andere schön machen“ – Arbeit am Körper als Dienstleistung und Erwerbsarbeit.
Projektbeschreibung:

TÄTOWIEREN ALS ERWERBSARBEIT – ZWISCHEN BERUF UND BERUFUNG

„Tätowieren – Das lernt man im Knast, im Rocker- oder Drogenmilieu“ – Mit diesen und ähnlichen Vorstellungen sehen sich Tätowierer*innen in der Öffentlichkeit immer wieder konfrontiert. Bis vor dreißig Jahren war das Tätowieren, eine der ältesten ästhetischen Praktiken der Menschheit und seit Jahrtausenden Brauch in zahlreichen Kulturen, vor allem in subkulturellen Milieus und sozialen Außenseitergruppen verortet gewesen. Im Zuge des Body Turns (Turner 1982; Gugutzer 2006), jenem kulturellen Wandel, der mit der „Bedeutungszunahme des Körpers für das Soziale“ (Meuser 2002:13) einhergeht, werden Tätowierungen ab den 1990er-Jahren in den modernen westlichen Gesellschaften zunehmend zum Mittel der Selbstinszenierung und Ausdruck von Individualität. Mit dem sich daraus ergebenden Tattoo-Boom und der Nachfrage nach Tätowierungen ist auch die Zahl derjenigen rasant gestiegen, die gewerblich bzw. beruflich tätowieren und die mittlerweile flächendeckende Präsenz von Tattoo Studios hat den Beruf für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Für viele ist das Tätowieren zur attraktiven Erwerbsmöglichkeit geworden, wobei es in Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern keine anerkannte Berufsausbildung und Zugangsvoraussetzungen für den Beruf gibt. Aufgrund der fehlenden gesetzlichen Regelungen organisieren und gestalten Tätowierer*innen ihre ‚Ausbildung‘ und deren Dauer selbst und erwerben auf individuell unterschiedliche Weise ihr handlungsleitendes Berufswissen.

Aus arbeitssoziologischer Sicht ist Tätowieren ‚High-Touch‘ Service Work (McDowell 2009) und zeichnet sich dadurch aus, dass die Interaktion und Kommunikation mit den Kund*innen einen konstitutiven Bestandteil der Dienstleistung ausmachen. Dieser Dienstleistungskontrakt involviert bei Tätowierungen die körperinvasive Bearbeitung der Haut, die mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein kann. Aus versicherungsrechtlicher Sicht gelten Tätowierungen daher als „Körperverletzung im gegenseitigen Einvernehmen“.

Das Promotionsprojekt fragt vor dem Hintergrund dieser Beschäftigungssituation nach dem beruflichen Selbstverständnis der Akteure in diesem rasch gewachsenen und heterogenen Berufsfeld, in dem anerkannte Berufsqualifikationen fehlen und in dem die Konkurrenz in den letzten Jahren zugenommen hat. Wie beschreiben Tätowierer*innen ihre Arbeit und in welcher Rolle sehen sie sich dabei selbst?

Die Bearbeitung dieser Fragestellungen erfolgt aus verschiedenen Blickwinkeln:

Aus der Perspektive der Biographieforschung steht die Rekonstruktion der beruflichen Einmündungsprozesse, biographischer Ressourcen sowie (berufliche) Erfahrungen im Vordergrund. Dabei bilden die Verlaufsmuster der Professionalisierung und Auffassungen von Professionalität einen thematischen Schwerpunkt.

Des Weiteren wird die Praxis des Tätowierens sowohl als ‚Arbeit am Körper‘ als auch als ‚verkörperte Arbeit‘ betrachtet und Aspekte der konkreten Arbeitsvollzugs mit Hilfe einschlägiger Konzepte sowohl aus der Arbeits- also auch aus der Kultur- und Körpersoziologie analysiert. Der Fokus ist hierbei auf die Entwicklung des Berufs- und Körperwissens und spezifische Kompetenzen sowie deren Umsetzung in berufliche Handlungsmuster gerichtet.

Die die Akteure umgebende Berufskultur wird dabei sowohl als künstlerisches Feld (Bourdieu 2011) als auch als Social World (Strauss 1978) konzeptualisiert.

Das empirische Material des Forschungsprojekts besteht aus narrativen Interviews, die mit Tätowierer*innen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und sozialer Herkunft zu ihrer Berufsbiographie geführt wurden. Diese verbalen Daten werden durch Protokolle aus teilnehmenden Beobachtungen sowie der Analyse von Bild- und Textmaterialien, sowie Auftritten in sozialen Medien ergänzt.

Projektbeteiligte:

Irmgard Steckdaub-Muller